Eine Geschichte in 50mm
- Sven Edel
- 21. Feb.
- 9 Min. Lesezeit
A long time ago, in a galaxy far, far away....
Es war einmal vor langer Zeit...
Oder auch sechs Jahre zurück und sechs Objektive zuvor....
Also wieder zurück zum Start meines Hobbys irgendwann im Sommer 2019. Ich hatte die ersten fotografischen Gehversuche mit meiner Nikon D5600 inkl. 18-55 Kitobjektiv, Blende 3,5 bis 5,6, getan und konnte mit einigem Hirnschmalz Blende, ISO und Belichtungszeit in Einklang bringen oder hatte zumindest deren Zusammenwirken in Grundzügen verstanden. Schließlich hatte ich ca. zehn Bücher zum "Einstieg in die Fotografie" gelesen...
Soweit so gut. Allerdings etwas ging mit dem Kit-Joghurtbecher* nicht so wirklich. Errätst du es? Richtig: freistellen!
* kleiner Gag am Rande: eines meiner bis dato liebsten Bilder entstand mit dieser Joghurtbecherkombi beim AVD Oldtimer Grand Prix 2019 - voila:

Freistellen: Das was man soviel in Bildern "besserer" Fotografen sieht und den Blick aufs Motiv lenkt. Geilo, das will ich auch. Nach kurzer Recherche sollte es das allseits beliebte Nikkor AF-S DX 35mm f1.8 werden (DX = APS-C, somit auf Kleinbild gerechnet gute 50mm). Gebraucht für schlappe 120,- €. Hach, das waren noch Zeiten und ein Preisniveau, bevor man beim roten Punkt eingestiegen ist und damit das finanzielleTor zur Hölle geöffnet hat ... Das sollte also mein erstes 50er werden. Neben den 35mm, die ich als universeller und damit alltagstauglicher empfinde, sollte das meine eigentliche große (Brennweiten-) Liebe werden ❤️ und es ist die Brennweite, wenn ich Zeit für mich und die Fotografie habe...

ein Bild, das für mich "Urlaub" schreit
Nikon D5600 mit AF-S DX 35mm bei f1.8

Blick von der Zugspitze in Richtung Talstation
Nikon D5600 mit AF-S DX 35mm bei f9.0

typisch Berge - mittags erstmal 'n Radler
Nikon D5600 mit AF-S DX 35mm bei f1.8
Zugegebenermaßen erfolgte der Einstieg in die 50mm über den "APS-C-Umweg", womit deren f1.8 nicht mit f1.8 auf Vollformat vergleichbar sind., zumindest was Unschärfe angeht.
Der Einstieg war also geton und so ging es nach nur wenigen Monaten mit dem Wechsel zu Vollformat, zur Nikon D750, ebenfalls zum Vollformatpendant, dem Nikkor AF-S 50mm f1.8. Ein tolles Objektiv, das wieder für 'nen schmalen Taler zu bekommen war und mir in Kombi mit meiner ersten Vollformatkamera völlig neue Welten eröffnete. Das, was das 35er auf APS-C in Nuancen erlaubte, war nun vollumfänglich möglich: Das Motiv vom Hintergrund - manchmal auch Vordergrund - zu lösen und den Blick zu lenken.

hier fand ich die Freistellung, nach der ich mich so gesehnt habe
- und das hier bei f8.0 (!) -

da war ich noch jung und wild und da nahm meine Frau noch meine Kamera in die Hand,... dies sollte sich mit dem späteren Wechsel zur M ändern
"das Ding pack' ich nicht an'

Blick auf Bad Ems vom Concordiaturm

Spaziergang in der Heimat (Eitelborn)
Was mir bei Sichtung der Fotos für diesen Artikel, also Fotos der letzten sechs Jahre, auffällt: So richtig schlecht waren die Bilder der Nikons nicht. Gerade, wenn man sich das Preisniveau ansieht, wäre das heute wohl meine Empfehlung zum Einstieg in dieses großartige Hobby!
Was allerdings genauso offensichtlich wird, je mehr ich mich mit den Bildern auseinandersetze und ja, auch wenn man mal reincroppt, eine Unart von uns Hobbyisten: Mit dem Einstieg in Wetzlar habe ich mich für alles andere versaut! Das, was bspw. ein aktuelles Summicron auf den Sensor bannt, hat schon eine andere Qualität. Dabei hat die Abbildungsleistung für mich eine riesengroßen Sprung nach vorn gemacht. Insbesondere, wenn man sich der Tatsache bewusst wird, dass das Gros der Bilder bei Offenblende entsteht. Und zwar unabhängig davon, ob Offenblende f2.0 hieß, oder aktuell f1.5, f1.4 oder f0.95. Nicht völlig uneingeschränkt teile ich hier die Auffassung vom Objektivgott Peter Karbe:
Anfangsblende ist Arbeitsblende
Das noch folgende Summarit ist hier ein wenig ausgenommen, da es offen extrem weich zeichnet und auf Gegenlicht gelinde gesagt zickig reagiert. Aber hey, es hat auch über 70 Jahre auf dem Buckel (Baujahr 1954). Ich gehe davon aus, dass ich mit 70 auch nicht mehr so performe wie mit 20 Jahren.
Etwas anderes ist mir bei der Sichtung der Bilder auch aufgefallen: Die Wahl der Blende war mit den Nikons nur wenig bewusst und wurde scheinbar in großen Teilen der Automatik überlassen. Schande über mein Haupt. Nicht zuletzt mangels Automatik erfolgt die Wahl der Blende als gestalterisches Mittel der Fotografie nun erheblich bewusster, als noch vor meinem Wechsel zu M. Das bedeutet aber auch, dass Offenblende genutzt wird, wenn nicht gerade eine größerer Tiefenschärfe, Schärfentiefe, Tärfenschiefe, oder wie auch immer, gebraucht wird.
So geht es also kamera- und objektivtechnisch im Sommer 2021 von Tokio nach Wetzlar ✈️
Mein erstes M-Objektiv aus dem Hause Leica sollte das Summicron-M 1:2/50 (11826) werden. Ein super kompaktes und für heutige Sensoren grundsätzlich mal ausreichend lichtstarkes Objektiv.
Über die integrierte "Schiebegegenlichtblende" kann man trefflich streiten, praktisch ist, dass sie immer dabei ist. Was das Design angeht, gefallen mir aufsteckbare oder aufschraubbare Gegenlichtblenden besser. Auch sind Gegenlichtblenden ohnehin für meine Bedürfnisse mehr Schutz, was bei der ausziehbaren Geli nur eingeschränkt der Fall ist, da sie bei einem Rempler wohl einfach einfahren würde. Soviel zum persönlichen Gusto.
Die Qualitäten des Summicrons liegen sowieso an anderer Stelle. Nämlich an seiner Abbildungsleistung. Und die war in meine Augen schon mit der M262 phänomenal.

ein Blick in den Leitz Park mit der M262 und dem Summicron der 5. Generation bei Blende 8 (hey, die Sonne ☀️ lacht)

Leica M262 mit 50mm Summicron bei f2.8

Leica M10 mit 50mm Summicron bei f2.0

Leica M262 mit 50mm Summicron bei f9.5 (Exif-Daten sind ja immer so 'ne Sache bei der M 😅)
Das Summicron war das Objektiv, das mich dahin erzogen hat, mir über die Wahl der Blende und dem Effekt auf das Bildergebnis ernsthaft Gedanken zu machen oder vielmehr machen zu müssen. Denn bei den vorherigen DSLR-Kameras war zumindest die Schärfe/-ntiefe direkt über den Sucher erkennbar. Das Thema hatte sich mit dem Messsucher erledigt, war jedoch überhaupt kein Problem, denn ein großer Teil des Hobbys Fotografie ist für mich das Experimentieren. Da ist es spannend, wenn man die unterschiedlichen Ergebnisse sieht, die man vorher nur über das Drehen des Blendenrings gefühlt hat.
Die nächste Herausforderung bot sich dann, als mein Sohn anfing zu laufen, denn ab dem Zeitpunkt wurde aus der Offenblende im Nahbereich doch eher mal eine 5.6 oder auch 8, um eine Chance auf scharfe Bilder zu haben. So ein Kleinkind hält ja nicht so richtig gern für Bilder still. Eigentlich hält er nie still.... Das ist wohl eine andere Geschichte.
Also habe ich gelernt mit dem manuellen Fokus in Verbindung mit einer passenden Blende (halbwegs) scharfe Bilder zu bekommen. Mit der Zeit und zunehmenden Sicherheit beim Fokussieren sich bewegender Motive wurden diese dann immer offenblendiger (wie bspw. oben am Bild mit den Sonnenblumen ersichtlich).
Nun dachte ich, ich hab 'ne M10 und ein 50er Summicron. Mehr braucht es doch nicht? Oder? Ne, brauchen ist hierbei falsch. Also kickt nach einer gewissen Zeit des Fotografierens mit gleichem Equipment mal wieder das GAS rein und man fängt an sich mit Blogartikeln, YouTube-Videos und ähnlich gefährlichen Quellen um Infos über andere Objektive zu bemühen. Im konkreten Fall: zum Summilux-M 1:1.4/50mm Asph. (11891). Ein Objektiv, das ein Design zum niederknien hat 😍
So ging es also los, eine meiner ersten Anlaufstellen war - und ist - die Homepage von Claus Sassenberg (https://www.messsucherwelt.com/objektive/leica-summilux-m-11450-mm-asph/). Weiter ging es mit Ken Rockwell und einer nicht zu beziffernden Anzahl an YouTube-Videos...
Welcome to the rabbit hole 🐰
Über den weiteren Weg zum 50er Summilux will ich hier garnicht philosophieren, das habe ich schon in einem eigenen Artikel gemacht: https://www.edel-wie-fein.com/post/leica-summilux-m-50mm-f1-4-ob-ich-soll-weiß-ich-nicht-aber-ich-hab
Nun stellt sich natürlich die Frage, ob es sinnvoll ist, von einem sehr guten 50er auf ein anderes sehr gutes 50er zu wechseln, nur weil es eine Blende mehr Licht reinlässt. Die nüchterne Antwort lautet:
Frag nicht so dumm. Natürlich!
Das Summilux ist ganz klar ein modernes Objektiv und daher auch bei Offenblende scharf bis knackscharf. Heute nutze ich die f1.4 ohne Weiteres an meiner M11-D mit ihren 60 MP. Hier ist die einzige Herausforderung die geringe Tärfenschiefe bei sich bewegenden Motiven zu handeln. Die Qualität ist schon bei Offenblende über jeden Zweifel erhaben, wobei man immer wieder liest, das eine halbe Blende abblenden den Kontrast deutlich erhöht. Von mir aus 🤷🏼 I don't care. Ich steh' schon auf die Ergebnisse ab 1.4.
Wobei, Butter bei die Fische, bei Landschaften nutze ich gerne eine 2.0 oder 2.8, die Bilder wirken dann extrem lebendig und ja, der Kontrast ist schon ein wenig höher, wie man bei folgendem Bild von Bad Ems gut erkennen kann (vor allem an der Front des Gebäudes in der unteren rechten Ecke).

Bad Ems, wie es schon Barnack gesehen hat
Leica M10 mit 50mm Summilux Asph. bei f2.8

Chamonix-Mont-Blanc
Leica M11-D mit 50mm Summilux Asph. bei f4.8
(abgeblendet, um auch den Strauch im Vordergrund möglichst scharf zu haben)

CSD Frankfurt
Leica M10 mit 50mm Summilux Asph. bei f1.4
Ich steh' ja auf den unscharfen Vordergrund 🥰

auch Landschaften gehen gut mit 50mm
Leica M10 mit 50mm Summilux Asph. bei f4.0

Hells Angel in spe?
Leica M10 mit 50mm Summilux Asph. bei f1.4
Das 50er Summilux ist schon ziemlich nah dran an der eierlegenden (50mm-) Wollmilchsau. Für mich uneingeschränkt bei Offenblende nutzbar und das wiederum nur durch meine eigenen Fähigkeiten zum treffsicheren Fokussieren eingeschränkt. Ansonsten wird nur dann abgeblendet, wenn es das Motiv bedarf.
Nun ist es so, dass man nie genug 50er haben kann. Ich meine, das hat Mehrdad von Qimago mal gesagt. So hat es sich im Sommer 2024 ergeben, dass Sebastian Scholz in Instagram sein Summarit 1,5/5cm M39 zum Kauf anbot. Da der Zustand nicht mehr taufrisch war und es sich um die Schraubversion inkl. Adapter auf M (der so fest ist, dass er nicht mehr ab geht) handelte, war der Preis entsprechend günstig und so schlug ich zu, ohne zu wissen, was mich da erwarten sollte und auch, ohne mich im Vorfeld mit dem Objektiv auseinanderzusetzen. Eins war nur klar, es passt wunderbar zu meiner M3, die damit im schlechtesten Fall einen wunderschönen Bajonettdeckel bekam 😅
Tatsächlich nutze ich das Summarit, wie schon erwähnt aus 1954 (!!!), extrem gerne und in erster Linie auf meinen analogen Ms, der M3 und der MP. Das Summarit ist das völlige Gegenteil des Summilux Asph. Bei Offenblende ist nicht nichts scharf, aber weit entfernt ist man auch nicht davon. Dafür hat es einen Glow - positiver und liebevoller formuliert: "Schmelz" - bei f1.5, der in der Nachbearbeitung wohl kaum erzielt werden kann 😍

sieht das Bild nicht so aus, als wäre es gemalt? ein Träumchen
Leica M10 mit Summarit-M 5cm f.15

Leica M10 mit Summarit 5cm, abgeblendet auf ca. f5.6

was man alles so im Himmel von Callantsoog, Niederlande, entdeckt
Leica M10 mit Summarit 5cm

Leica MP mit Summarit 5cm
Film: Elka Color (etwa in 2000 abgelaufen)

hier sieht man, dass das Bokeh etwas "unruhig" oder "swirly" ist... mir gefällts 😉
Leica MP mit Summarit 5cm bei f1.5
Film: Ilford Ortho Plus 80

abgeblendet wird aus dem dreamy Look ein scharfes Objektiv (selbst auf Film!)
Leica MP mit Summarit 5cm bei f1.5
Film: Ilford Ortho Plus 80
Entgegen den vier zuvor genannten 50ern kanibalisiert das Summarit kein anderes meiner 50er. Es reiht sich neben ihnen ein und hat außer dem Bildwinkel nicht so richtig viel mit ihnen gemein. Das Summarit ist ein Objektiv zum genießen und für spezielle Bilder, nichts für jeden Tag und doch häufiger Begleiter. Es könnte (m)ein Objektiv für die Ewigkeit werden.
Gute zwei Jahre nachdem das Summilux-M 1:1,4/50 eingezogen ist, hat sich eine Möglichkeit aufgetan und der Leica Store in Konstanz hatte den Heiligen Gral in einem sehr guten Zustand inkl. OVP reinbekommen und zugleich Interesse an meinem Fehlkauf, der Q2 Reporter, geäußert. Kann das Zufall sein? Nein, ich denke nicht. Also ging meine Q2 in den Süden Deutschlands und ein Noctilux-M 1:0.95/50 machte sich auf den Weg zu mir 🤓
Auch hier: mal kurz von vorne...
Im September 2024 hatte ich die Möglichkeit das Nocti beim Leitz-Park-Fest ausgiebig testen zu können, damals noch an der M10. Da es an dem Tag seeehr sonnig war, war es ausgesprochen schwierig das Nocti bei 0.95 zu nutzen. Die M10 hatte halt nur 1/4000 als kürzeste Verschlusszeit und das führte vielfach zu unschönen Überbelichtungen, sodass die Bilder in großen Teilen ernüchternd waren.
Aber, und das ist ein dickes, fettes ABER, wie auch das Nocti ein dickes, fettes Objektiv ist: ich war angefixt. Das Noctilux in seiner 0.95-Variante war schon vor meinem Einstieg bei M sowas wie mein feuchter (Objektiv-)Traum 🤤 Der Preis, der sich neu in der Gegend eines gut gebrauchten Kleinwagens bewegt, war und ist jedoch obszön und auch gebraucht hat es noch ein Preisniveau, für das es bei anderen Herstellern kaum neue Objektive gibt.*
* für gerechtfertigt halte ich den Preis nichtsdestotrotz, da hiervon sicherlich keine Masse produziert wird und es sich wohl um einen technischen Meilenstein handelt, der entsprechende Forschungs- und Entwicklungskosten mit sich trug
Die Tatsache, dass die Inzahlungnahme meiner Q2 den (Rest-)Kaufpreis deutlich minderte, machte den Einstieg in eine Lichtstärke > 1 nicht nur möglich, sondern auch denkbar... Milchmädchenrechnung ende.
Und wie ist es so, mit dem Heiligen Gral zu fotografieren? Tja, was soll ich sagen:
voll geil 🤩
Obwohl es schwer ist, wirklich schwer an der M11-D, ist es doch gut ausbalanciert, sodass ich es gerne mitnehme.
Hier sind mal ein paar erste Ergebnisse, nach den ersten Tagen der Nutzung, die allesamt bei Offenblende entstanden sind:

entstanden im Ernst Leitz Museum
ein Bildlook zum niederknien (schon wieder 😄)

führt die Unschärfe nicht schön durchs Bild 🥰 ?

nochmal: führt die Unschärfe nicht schön durchs Bild 🥰 ? 😉

die schmale Schärfentiefe, auch bei entfernteren Motiven, hier ca. 5 Meter zur Türe,, lenkt auf das, was man zeigen möchte

und nochmal ein wenig Farbe:
hier freue ich mich sehr auf den Frühling, denn so wie schon hier bei schlimmstem Ekelwetter die Farben anmuten, wird das wohl ein Knaller 🙂
Was das 0.95 angeht, will ich noch garnicht zu viel sagen, dafür ist es noch nicht lang genug bei mir. Klar ist aber auch, hierzu werde ich noch die ein oder andere Zeile schreiben. Dafür sind diese fast 800g Metal und Glas einfach zu legendär 🙃 #fanboy
Das war er also, mein bisheriger Weg mit 50mm. Ich bin mir fast sicher, dass das Nocti nicht das Letzte 50er gewesen sein wird. Denn die Auswahl und Varianten sind riesig und GAS wird bestimmt irgendwann wieder zuschlagen, so isses halt...