top of page
Suche

Auf die Zugspitze über das Reintal

  • Autorenbild: Sven Edel
    Sven Edel
  • 15. März 2023
  • 9 Min. Lesezeit

28. April 2020, es ist mein 31. Geburtstag - Meine Frau überreicht mir zwei Umschläge, die mit "1" und "2" beschriftet sind. Wie man sich denken kann, handelt es sich um die Reihenfolge, in der die Umschläge geöffnet werden sollen. Alles klar, ich öffne also die "1" und habe ein schlichtes, weißes DIN A4-Papier mit folgendem Text in der Hand:


47° 25' 15.838" N

10° 59' 7.314" E


Das sind Koordinaten, logisch. Aber wofür? So eine Idee hatte ich ja und äußere diese: "das ist die Zugspitze, oder?" Meine Frau schaut mich schelmisch an und sagt: "keine Ahnung, wer weiß". Keine Minute später hatte Google meine Intention bestätigt. Also geht es an die "2", da die Zugspitze als Örtlichkeit erstmal viel bedeuten kann. Und in der "2" war genau das, worauf ich zwar gehofft hatte, allerdings auch eine Menge Respekt bis Angst davor hatte: Ein Gutschein der Alpinschule Garmisch für eine 2-Tages-Tour über das Reintal auf die Zugspitze.


Bei der Tour über das Reintal handelt es sich (technisch) um die einfachste Route auf Deutschlands höchsten Berg, gleichzeitig jedoch auch um die Längste. Sie beginnt am 1. Tag am Olympiastadion auf 760m in Garmisch, führt durch die Partnachklamm über die Bockhütte zur Reintalangerhütte auf 1.369m, die als Übernachtungsmöglichkeit dient. Bis hierhin hat man gute 14 km und 670 Höhenmeter hinter sich gelassen. Am 2. Tag geht es dann mit einem Zwischenstop an der Knorrhütte und dem Zugspitzplatt (Sonnalpin) durch ein kräftezehrendes Geröllfeld zum Gipfel auf 2.962m. Dort hat man dann weitere 7 km und 1.540 Höhenmeter geschafft und steht auf Deutschlands höchstem Punkt! Klingt also, alles in allem, nach einem Spaziergang 😂 [Sarkasmus Ende]



Nun hatte ich also den Gutschein und einen Termin, 1. und 2. August 2020. Das hieß auch, weniger als vier Monate um mich hierfür vorzubereiten, denn die letzte zehn Jahre war Sport recht kurz gekommen. Gelinde ausgedrückt!!!


Punkt 1 auf der Trainingsliste war der Kauf anständiger Schuhe. Glücklicherweise hatten sich meine Frau und meine Eltern bei der Wahl eines Geburtstagsgeschenkes für mich abgestimmt, sodass noch ein Gutschein für einen entsprechenden Ausrüster da war. Bei den für anständige Bergschuhe aufgerufenen Preisen war der Gutschein auch hilfreich 😳. Schuhe ✅


Punkt 2 auf der Trainingsliste war dann schon deutlich schwieriger,... Nämlich ein wenig in Form zu kommen und das Erwandern mit Höhenmetern zu trainieren. Und das ist, obwohl wir im Westerwald wohnen, garnicht so einfach. Denn die steilsten Touren über eine Entfernung von bis zu 10 km, für die ich nicht das Auto zur Anreise bemühen muss, brachten 330m hoch und 330m runter mit sich. Besser als nix, es bleibt ja noch mein verbissener Ehrgeiz.


31. Juli 2020 - Auf gehts nach Garmisch-Partenkirchen. Es ist warm, gefühlt eine Bullenhitze. Und der Blick auf das Thermometer zeigt in GAP bis zu 31 Grad, wohlgemerkt im Schatten. Puh, hoffentlich kühlt es noch ein wenig - nein, besser deutlich - ab, wenn es morgen früh am Olympiastadion los geht in Richtung Reintalangerhütte. Spoiler: Dieser Wunsch wurde für Samstag, den 01.08.2020 nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil, die Temperatur sollte an diesem Tag bis auf über 32 Grad steigen. Zur Stärkung ging es am Vorabend der Tour ins Spatzenhäusl für Haxn und das ein oder andere Helle. Prost 🍻


01.08.2020 - Mehr oder weniger ausgeruht ging es zum Treffpunkt am Olympiastadion, wo ich um 9:30 Uhr neben unserem Bergwanderführer Achim mit sechs Weiteren Rucksacktouristen den Weg auf die Zugspitze angriff. 9:31 Uhr: es ist schon jetzt heiß... Nach wenigen Metern zeigt uns Achim erstmal auf einer Karte am Wegesrand, welche Strecke wir da auf uns nehmen. Rückblickend hat uns dies wohl alle - zumindest ein wenig - eingeschüchtert oder vielmehr Respekt eingeflößt.



Achso, weshalb eigentlich Bergwanderführer und nicht Bergführer? Der Unterschied hierbei liegt in der Ausbildung und den Kenntnissen der Region, so Achim. Ein Bergwanderführer führt die Touren, die nicht seilversichert sind und für die man demnach keine Sicherungstechnik braucht. Diese Info hat uns allesamt wieder ein wenig beruhigt, da es technisch somit voraussichtlich nicht allzu schwierig werden sollte.


Weiter ging es in Richtung Partnachklamm, die uns schonmal etwas Abkühlung verschaffte. Einziger Nachteil: es war August 2020 und somit durften wir nur mit Masken durch die Klamm, was angesichts der Temperaturen nicht so richtig angenehm, für die paar hundert Meter allerdings völlig in Ordnung war. Gab ja auch keine Alternative 😅


#Selfie - zu der Zeit noch mit selbstgenähten Masken


Kaum aus der Partnachklamm rausgekommen, wurde erstmal eine erste Pause eingelegt. Es sollte bei weiter steigenden Temperaturen nicht die letzte Pause für den Tag gewesen sein und wir waren gerade mal eine gute Stunde unterwegs,... von angepeilten sieben..



So ging es dann weiter, glücklicherweise vielfach durch schattige Waldpassagen, in der die Hitze gut auszuhalten war. Erst die letzten (Kilo-)Meter vor der Reintalangerhütte ging es unter der prallen Sonne entlang. Nach einiger Zeit kamen wir an einer Weggabelung vorbei, die uns unser Ziel vor Augen führen sollte. Unser Tagesziel: noch 1 Stunde 45 Minuten, Schwierigkeit: blau. Und auch unser Ziel für den nächsten Tag war angepinnt: Zugspitze / Münchner Haus: 8 Stunden, Schwierigkeit: schwarz.



Achim erläuterte uns dann auch in aller kürze, wie die blauen, roten und schwarzen Punkte vereinfacht zu verstehen sind.


"Wenn ihr hier ganz, ganz dumm stürzt, dann hat das für euch folgende Konsequenzen:

blau = blaue Flecken

rot = ihr blutet

schwarz = das war es dann, hier hat euer letztes Stündlein geschlagen."


Das war das 2. Mal an dem Tag, dass ich bewusst eingenordet wurde, nach dem 1. Mal, als wir die Route präsentiert bekommen hatten. Da wir aber bis zu diesem Wegweiser sämtliche Zeitangaben unterboten hatten und unsere Trittsicherheit als ausreichend eingestuft wurde, ging es nichtsdestotrotz frohen Mutes weiter.



Dieser Platz ist eine Sammelstelle für den Transport zu den höhergelegenen Hütten. Ab dort geht es mit dem Auto nicht mehr weiter.


Mehr oder minder pünktlich zum Mittagessen kamen wir gegen 13:30 Uhr nach guten 9 km an der Bockhütte an und gönnten uns Skiwasser, Radler und was Deftiges für zwischen die Kiemen. Unser Bergwanderführer ließ uns allerdings nur kurze Zeit verschnaufen, da er mit uns als erste Gruppe an der Reintalangerhütte sein wollte, um gute Übernachtungsplätze zu bekommen.



So ging es dann von bis dahin weitgehend schattigen Plätzen ins Reintal, bei dem wenig Schatten spendende Bäume halfen, um nicht gerade auch noch die Unterhose durchzuschwitzen. Weitestgehend nach Plan kamen wir dann gegen 16 Uhr an der Reintalangerhütte an und waren froh, uns von den Wanderschuhen befreien zu können,... in der Hoffnung am nächsten Tag wieder die eigenen Schuhe an den Füßen zu haben:



Als nächstes wurde eingecheckt. Dies sollte man nicht mit dem Check-In und Welcome-Cocktail beim Strandurlaub verwechseln. Stilecht und hoch sympathisch war in der Hütte alles etwas rustikaler, bis hin zur Dusche, die mit Warmwasser nur über einen Kleingeldautomaten versorgt wurde und die Zeit, bis wieder kaltes Wasser kam, knackig kurz war.


Das Matratzenlager wurde aufgrund von Corona nur mit den Wanderern der eigenen Gruppe belegt, sodass wir in einem 11er-Raum noch ein wenig Platz hatten. Wie man hier sieht, handelt es sich bei den Matratzen nicht um eine handelsübliche 90cm Matratze 😉.



Nachdem also die Schuhe aus, die Schlafplätze gesichert und der Schweiss des heißen Tages runtergespült waren, ging es zum Abendessen, das erwartungsgemäß deftig im Geschmack und ordentlich in der Portion ausfiel. Genial 🤩. Dazu passend gab es natürlich eine Halbe Helles bzw. Radler. Mit vollem Bauch war aber immer noch kein Feierabend angesagt. Achim hatte uns angeboten etwas zum Thema Kartenlesen zu lernen. Da haben wir natürlich nicht nein gesagt und ich für mich etwas für die Zukunft mitgenommen, z. B. je näher die Höhenlinien aneinander sind, desto steiler ist das Gelände. Beim Blick auf die Route des Folgetages konnten wir dann sehen, dass Tag 1 der Tour einem Spaziergang glich. Unwissenheit ist manchmal halt doch ein Segen!



Ein Wolkenbruch im Reintal war für uns der Zeitpunkt das Matratzenlager aufzusuchen und kündigte gleichzeitig die Wetteränderung für den nächsten Tag an. Es wurde ein deutlicher Temperatursturz mit Regen und Nebel, zum Teil Unwetter, erwartet, der den Aufstieg unangenehm und spätestens ab Sonnalpin unmöglich gestalten könnte...


02.08.2020 - In aller Herrgottsfrüh' - es dürfte in etwa 5:30 Uhr gewesen sein - wurden die Ersten aus unserer Gruppe wach, so auch ich. Glücklicherweise fühlten sich die Beine nicht sonderlich erschöpft an, sodass Hoffnung bestand zu Fuß auf den Gipfel zu kommen. Wir hatten schließlich den Großteil der Strecke hinter uns. Zumindest in der Vertikalen. In der Horizontalen lagen noch gute 1,5 km vor uns. Nach schneller Morgen- ähm... Katzenwäsche ging es zum Frühstück, dass erstaunlich vielfältig, natürlich wieder im großen und ganzen deftig, aber eben doch vielfältig ausfiel. Wir hatten zwischenzeitlich 6:35 Uhr. Um 7:30 Uhr ging es dann auch schon wieder mit Sack und Pack frisch gestärkt in den 2. Tag, um dem für den Nachmittag angekündigten schlechten Wetter möglichst davon zu kommen. Es sollte tatsächlich 10 Grad kälter als am Vortag werden, maximal 22 Grad. Immerhin die Temperatur kam uns entgegen.


Der erste Wegweise hinter der Reintalangerhütte zeigte noch 6 Stunden an!


Die ersten Meter ging es fast eben weiter durch das Reintal, wir hatten sogar Zeit (und Kraft) Fotos der Umgebung zu machen. Doch schon der erste Anstieg nach der Hütte hatte es sowas von in sich und war rückblickend der - für mich - anstrengendste Teil der gesamten Route. Hier wurde es so langsam von grün zu grau, sprich von Wäldern, Bäumen und Büschen hin zu Fels und Stein.


der erste Blick zurück ins Reintal


Am Ende dieser ersten Steigung angelangt war es dann auch richtig grau. Dafür hatte man einen gigantischen Blick in das Reintal und auf die schon zurückgelegte Tour. Für alle Beteiligten ein absoluter Wow-Moment 😍


So blieb es die nächsten Kilometer grau-grün, mit zunehmenden Grau-Anteilen. Der ersten Stop für den heutigen Tag sollte die Knorrhütte auf 2.051m sein. Also nach ca. 700 Höhenmetern und wie sich herausstellte, nach zwei Stunden Fußmarsch ohne größeren Rast. Die gesunkene Temperatur half uns das vergleichsweise hohe Tempo des Vortages auch an diesem Tag zu halten, obwohl die Wege beschwerlicher und vor allem steiler wurden.



Nach kürzester Pause an der Knorrhütte, 15 Minuten, ging es mit Blick auf den Wetterbericht weiter nach oben. Hinter der Knorrhütte war dann endgültig sämtliches Grün vergangen und das Gefühl im Berg zu sein überwog. Bis auf wenige Stellen ausgenommen, war der Weg bis hierhin größtenteils ein Spaziergang. Dies sollte sich ab Sonnalpin - mittlerweile auf 2.576m angelangt - ändern.


Unser Bergwanderführer ordnete nun den Helm an, da ab hier mit entgegenkommenden / herunterfallenden Steinen gerechnet werden musste. Für eine Wanderin aus unserer Gruppe endete hier auch der Fußweg. Sie traute sich den restlichen Weg über das Geröllfeld und den Grat nicht zu. Sehr vernünftig, better safe than sorry!


Das Geröllfeld ist berühmt-berüchtigt. Nicht, weil es so gefährlich ist, sondern weil es zermürbt. Man hat das Gefühl bei jedem Schritt nach vorne zwei Schritte zurück zu rutschen. Hier halfen Wanderstöcke ganz schön, um Grip im Geröll zu behalten. Beobachtet man Wanderer im Geröllfeld bequem von der Terrasse des Restaurant Sonnalpin meint man, dass sich diese nicht bewegen. Und so fühlt es sich an, bis man dann doch - wider Erwarten - das Ende nach etwas zwischen 30 und 45 Minuten erreicht.


Hier sieht man oben rechts das Restaurant Sonnalpin und die von dort (nach oben links) abgehende Seilbahn zur Gipfelstation.


Von nun an ging es auf einem deutlich schmaleren Weg weiter, der, je weiter man nach oben kam, immer steiler nach links und rechts abfiel. Leider zog sich hier der Himmel zu, sodass beim Marsch über den Grat und damit über die letzten Meter zum Gipfel nur wenige Meter zu sehen waren. Laut unserem Bergwanderführer sollte dies allen, die Höhenangst haben oder zumindest nicht ganz schwindelfrei seien entgegenkommen. Der Blick wäre sicherlich noch gigantischer gewesen, als die Erfahrung ohnehin war.


Der "Blick" in Richtung Österreich über eine seilversicherte Route:

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Sehen Sie? 😂


Halbwegs fertig und überglücklich waren wir nach gut vier Stunden

Fußmarsch um 11:45 Uhr auf dem Gipfel angelangt,...

kurz bevor das Wetter umschlug und ein Wolkenbruch den nächsten jagen sollte.


Im Restaurant auf der Gipfelstation saßen wir dann noch bei kühlen Getränken und einem warmen Mittagessen, bei mir Currywurst mit Pommes, zusammen und ließen die letzten beiden Tage Revue passieren. Unterm Strich eine wahnsinnig tolle Erfahrung den höchsten Berg Deutschlands auf eigenen Füßen zu erklimmen und das, ohne angeben zu wollen 😎, sogar ohne größere Anstrengungen. Bis zum Zugspitzplatt (Sonnalpin) war es im Grunde ein langer Spaziergang. Richtig viel Spaß hat es danach gemacht, die Kraxerei durch das Geröllfeld und über den Grat zum Gipfel. Ach ja, am Gipfelkreuz waren wir tatsächlich nicht. Nachdem Achim, unser Bergwanderführer, sich angesehen hat, wer alles auf dem kurzen Stück zwischen Gipfelstation und Gipfelkreuz unterwegs war, hat er uns davon abgeraten. Denn auf diesem kurzen Stück war eine ganze Menge los, im Wesentlichen Touristen mit Selfiesticks und Turnschuhen. Und das im alpinen Gelände. Manchen Menschen ist wirklich nicht zu helfen. Für uns war das aber auch voll in Ordnung.


Wir hatten unser Ziel auf 2.962m erreicht.


Nachtrag:

Nun wurde die einfachste Route auf die Zugspitze überwunden. Wie geht es weiter? Blut ist definitiv geleckt! Also steht auf alle Fälle mal der Weg über das Höllental auf den Gipfel an, die wohl schwierigste der vier Routen und eine Eintagestour mit Kletter(steig)passagen. Und was reizt noch: der Mont Blanc, der - je nach Definition - Europas höchster Berg ist. Es bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt...

edel - wie fein

©2023 von edel-photo. Erstellt mit Wix.com

bottom of page